Woraus besteht der Zaubertrank innovativer und profitabler Unternehmen?

Das auf Webanwendungen und Apps spezialisierte Unternehmen Liip gehört zu den innovativsten agilen Firmen der Schweiz, das von Anfang an selbstorganisiert geführt wird. Die hohe Eigenverantwortung mit viel Entfaltungs- und Handlungsfreiraum zahlt sich nicht nur durch eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit aus. Liip kann auch auf 45 Awards zurückblicken und nahm erst im April 2018 vier Preise bei Best of Swiss Web Awards entgegen.

Wir haben mit Gerhard Andrey, dem Mitgründer von Liip,  über das Erfolgsrezept des Unternehmens gesprochen.

Hauptstärken

1. Sie sind ein sehr erfolgreiches Unternehmen mit 5 Standorten. Auf welche drei Haupt-Stärken führen Sie ihren Unternehmenserfolg zurück?

  • Wir setzen konsequent auf agile, benutzerzentrierte Methoden. In der Softwareentwicklung und  für die gesamte Organisation. Das macht uns reaktionsfähig und nährt Innovation.
  • Technologisch verfolgen wir eine Open Standards und Open Source Strategie. Das macht unsere Projekte flexibel und zukunftssicher.
  • Wir halten unsere Werte hoch und nehmen nur Projekte an, hinter welchen wir voll und ganz stehen können. Das macht unser Engagement nachhaltig und die Mitarbeitenden glücklich.

Stärken auf der Spur

2. Was unterscheidet Ihrer Meinung nach erfolgreiche Unternehmen von anderen?
Erfolg würde ich zuerst einordnen wollen. Erfolgreich ist aus meiner Sicht ein Unternehmen dann, wenn es langfristig wirtschaftlich und sozial Nutzen stiftet, ohne dabei die Umwelt negativ zu beeinflussen. Und das geht nur, wenn bei der Geschäftstätigkeit der Mensch, die Gesellschaft und die Umwelt einbezogen wird. Das ist der Benchmark für Erfolg bei Liip.

3. Was macht eine starke Führungskraft aus?
Menschen mit einer demütigen Haltung, die Respekt vor den Fähigkeiten anderer haben und eine Passion hegen, dem Sinn der Organisation zuzudienen. Auch wenn mir das nicht immer gleich gut gelingt, orientiere ich mich danach.

4. Wie erreichen Sie in ihren Teams und Unternehmensbereichen ambitionierte Ziele?
Indem wir alle Dinge ausprobieren und mutig bleiben. Denn nur wer Risiken eingeht, hat das Potential auch etwas zu gewinnen. Dinge die schief gehen, muss die Organisation absorbieren können, ohne das Individuum zu sanktionieren. So schaffen wir es immer wieder, super innovative Lösungen für unsere Kunden zu kreieren.

5. Was ist Ihr Erfolgsrezept, das die von Ihnen erwähnten Stärken in der Firma verankert?
Mittels Selbstorganisation – bei uns mit Holacracy – der Passion fürs Web und unseren Werten.
Selbstorganisation ist ein unheimlicher Beschleuniger, um das Potential aller zu erschliessen. Einerseits, weil wir damit Macht komplett dezentralisieren und es andererseits allen ermöglichen, sich mit den individuellen Stärken und Bedürfnissen maximal einbringen zu können.

Bei den Werten sind wir sehr explizit: Wir sagen was wir wollen und welchen Preis wir bereit sind dafür zu bezahlen. Eines unserer Prinzipien ist: Sinnhaftigkeit vor Profit! Deshalb sagen wir bspw. regelmässig für uns nicht sinnvolle Projekte ab. Und das auch in Zeiten in denen wir den Umsatz nötig hätten. Wir sind der festen Überzeugung, so langfristig am besten zu fahren. Bis jetzt wurde  das Gegenteil nicht bewiesen.

Und wir sehen uns als Solidargemeinschaft. Alle Aktien sind in Händen von Mitarbeitenden. Bonus gibt es für alle oder für niemanden; wenn die Zahlen stimmen einen zusätzlichen Lohn. Wir sind so nicht nur selbstorganisiert sondern auch selbstbestimmt. Die Motivation, für die Firma als Ganzes und nicht für sich alleine zu denken, wird damit massiv höher.

Starke Beispiele

6. Was war Ihre bis dato grösste unternehmerische Herausforderung, und wie haben Sie diese gemeistert?
Das Setzen auf die Selbstorganisation in einer Wachstumsphase war eine grosse Herausforderung. Gerade in unserem Umfeld. Nicht, weil wir nicht daran geglaubt hatten. Aber es wurden doch sehr viele kritische Stimmen laut und ab und zu hatten wir auch Zweifel, weil es echt harte Arbeit war. Rückblickend können wir mit gutem Gewissen sagen, dass es sich sehr gelohnt hat. Das aus der Reihe tanzen und unseren Überzeugungen und Werten zu folgen statt dem Management-Mainstream macht uns erfolgreicher.

7. Welche Stärken haben Sie dazu eingesetzt?
Mut und gesunden Menschenverstand. Und zwar nicht von wenigen, sondern vielen in der Firma.

8. Wie sah der grösste Unternehmenserfolg bisher aus, und wodurch ist Ihnen dieser im Rückblick gelungen?
Die vergangenen zwei Jahre haben uns auf ein nächstes Plateau gehoben. Natürlich sind wir wieder substanziell gewachsen, wie die Jahre davor. Ein grosser Erfolg ist aber, dass unser Name weit über unsere B2B-Nische bekannt wurde. Wir haben landesweit ein super Image. Das zieht wiederum Menschen und Kunden an, die sich mit unseren Werten identifizieren wollen. Wir sind in einem Engelskreis, also wo sich das Positive mit Positivem verstärkt.

Auswirkungen – Warum Stärken wichtig sind

9. Wie wirken sich die Stärken Ihrer Firma aus? Woran erkenne ich sie als Kunde, als Mitarbeitende, als Lieferant?
Wir sind wirtschaftlich und als Arbeitgeber sehr gut aufgestellt. Awards für unsere Projekte oder Liip als Arbeitgeber machen sichtbar, was uns auch Kunden und Mitarbeitende bestätigen: Liip macht einen guten Job!

10. Was wäre, wenn Schweizer sich KMUs generell noch mehr auf die eigenen Stärken besinnen würden?
Ich bin überzeugt, dass das doch die meisten tun. Zumindest kann ich mir nichts anderes vorstellen. Die Frage ist allenfalls, ob man die eigenen Stärken und Schwächen überhaupt kennt. Und das dürfte nicht für alle gleich klar sein. Absolute Transparenz und Ehrlichkeit helfen da sicher. Weil wir selbstverwaltet und damit komplett transparent sind – von den Geschäftszahlen hin zu den Löhnen – geht es gar nicht anders.

Drei persönliche Fragen

Was passiert bei Liip, wenn der Strom für einen ganzen Tag in der Schweiz ausfällt und welche Stärken werden in dieser Situation genutzt?
Falls das Internet noch erreichbar wäre, würden wir weiterarbeiten bis die Akkulaufzeit durch wäre. Unterdessen würden unsere Leute alles daran setzen, es wieder erreichbar zu machen. Wenn’s dann immer noch nicht klappt, würden wir wohl frühzeitig in den Apéro verschieben. Wir sind gut im Feste feiern!

Welche Person hat Sie in Ihrem Leben am stärksten positiv beeinflusst und wodurch?
Ich könnte keine einzelne nennen, aber wohl einen ganzen Strauss von Menschen. Meist wohl solche die grosszügig, selbstlos und weitsichtig sind.

Welchen Rat würden Sie Ihrem 20-jährigen Ich aus der Zukunft geben, wenn Sie könnten?
Suche und verfolge deine Passion, dann rücken Status und monetäre Kompensation in den Hintergrund.

Fazit:

Steve Jobs sagte: einst: „Es macht keinen Sinn, fähige Leute einzustellen und ihnen dann zu sagen, was sie tun sollen. Wir stellen fähige Leute ein, damit sie uns sagen können, was zu tun ist.“ Dieser Geist wird spürbar bei Liip. Kompetente Mitarbeitende einzustellen ist ein erster Schritt, ihnen jedoch auch den Raum zur Entfaltung und für Innovation zu lassen, ist ein weiterer. Dieser Schritt erfordert Vertrauen und den Mut, auch andere Denkweisen und Lösungswege kennenzulernen und anzunehmen.

Liip setzt auf Vertrauen und Selbstorganisation im Unternehmen und fördert mit diesem Organisationsmodell unternehmerisches Denken beim Einzelnen sowie Verbundenheit und Verantwortlichkeiten. Holacracy ist ein möglicher Weg, um die soeben genannten Stärken zu fördern. Holacracy ist ein Modell, das sich als umfassendes und ganzheitliches Betriebssystem versteht und deshalb vergleichsweise komplex in der Implementierung ist. Man kann es nicht schritt- und auszugsweise einführen, sondern ganz oder gar nicht. Eine weitere open source Möglichkeit und Inspirationsquelle für Selbstorganisation stellt Soziokratie 3.0 dar, deren flexiblen Bausteine (Patterns) eine schrittweise und agile Implementierung erlauben. Ein Unternehmen kann auf diese Weise Umfang und Tempo der Transformation selbst bestimmen, die Wirkung austesten und beliebige Anpassungen individuell vornehmen.

Innovative Unternehmensmodelle wie oben genannte haben zum Ziel, das Potenzial des Einzelnen durch die Stärke der Gemeinschaft bestmöglich nutzbar zu machen und über Sinnhaftigkeit Engagement, intrinsische Motivation und Erfolge freizusetzen. Wie Gerhard Andrey sagt, ist Stärkenbewusstsein ein erster Schritt, Stärken überhaupt nutzen zu können.

Stärkenorientiertes Talentmanagement und stärkenorientierte Führung sind zwei wesentliche Komponente einer ebensolchen Unternehmenskultur. Lassen Sie uns ins Gespräch kommen in Bezug auf die Stärken Ihres Unternehmens und wie wir diese zum Ausbau des Unternehmenserfolges und nachhaltigen, zukunftssicheren Wirtschaftens entfalten können.

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