„Sie können hier doch nicht nur auf unsere Stärken schauen…wir haben so grosse Schwächen…eigentlich sind wir als Team ein totaler Sauladen!“ Die Energie des offensichtlich frustrierten Workshop-Teilnehmers schwappt mir mit aller Vehemenz entgegen. Ich atme tief durch. Klar, ich wäre kaum als Externer in dieses Team geholt worden, wenn die Teammitglieder perfekt zusammen arbeiten würden. Da ich bisher hartnäckig Fragen nach den Fähigkeiten und Stärken des Teams gestellt habe, wurde es dem konfliktgeplagten Teilnehmer zu viel.

Mein Kopf sagt mir im Moment, dass man sehr wohl auf beide Seiten der Medaille schauen sollte, ich wäge ab…Weiterfahren im Stärken-Modus? Oder Eintauchen in die grosse Erleichterung, in eine wie wir hier in der Schweiz zu sagen pflegen „Chropfläärete“? Dieser Mundart-Begriff beschreibt das Aussprechen und Loswerden aufgestauter Frustrationen, indem man seinem Ärger Luft macht. Die unangenehmen Momente und das beklemmende Gefühl verfliegen wie beim physischen Auskotzen in aller Regel unmittelbar, die Wirkung ist erleichternd und befreiend – zumindest für den, der sich ausgekotzt hat.

In all den Jahren als Team-Coach habe ich gelernt, meiner Intuition zu vertrauen. Ich spüre die Erleichterung des Teilnehmers nach seinem Ausrufer. So frage ich in die Runde: „Sie haben seine Kraft soeben auch gespürt – was sagt Ihnen diese Energie? Was ist gut daran?“ Das hören die KollegInnen sehr wohl und begrüssen seine Ehrlichkeit, seine Offenheit und sein Engagement für den Teamprozess. Vom Team erhalte ich schliesslich die Erlaubnis, den Begriff „Team-Probleme und -Schwächen“ auf ein neues Flip Chart zu schreiben und dieses mit der Überschrift „Parkplatz“ für spätere Verwendung im Seminarraum aufzuhängen. Der Fokus geht wieder auf Stärken im Team. Nachdem wir anschliessend auch über das Parkplatzthema gesprochen haben, wenden wir uns möglichen Lektionen zu, und die Stimmung ist auch beim anfangs kritischen Teilnehmer wieder konstruktiv.

Fehler sind kein Problem, solange wir daraus lernen. Bereits bei unserem ersten Risikounternehmen im Leben, dem Laufen lernen, wird die Kausalkette programmiert. Wir fallen um, um daraus zu lernen. Manchmal schmerzhaft. Auch später in der Schule liegt der Blick aus guten Gründen auch auf dem Verbesserungswürdigen, mit Rotstift markiert im Schulheft. Der springende Punkt beim Blick auf nicht Funktionierendes ist die innere Einstellung der Reflektierenden. Wenn die Haltung auf Lösungen und Lernen abzielt, rücken auch in der schmerzhaftesten Niederlage Chancen in den Fokus. So sind auch das nochmals aufs Fahrrad steigen nach dem Sturz oder neu Schreiben von Fehlern nach einem Diktat hilfreich. Wir erfahren so nach dem wieder Aufstehen: Ja, wir können laufen, fehlerfrei schreiben, korrekt rechnen und eben auch im Team zum gemeinsamen Erfolg beitragen. Im Lernen wird das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Auch deshalb bringt das Reflektieren von Enttäuschungen in Teams mit dem Fokus auf hilfreiche Lektionen diese rascher voran in Richtung Ziel als das Nagen am nicht Funktionierenden.

Viele Redewendungen und Metaphern nähren diesen Gedanken: Nach dem Regen scheint die Sonne, das Glas ist zugleich halb voll und halb leer, jede Medaille hat zwei Seiten, wo Schatten, ist logischerweise auch Sonne, …auch das Leben schenkt uns immer wieder Erfahrungen, dass es nach schwierigen Momenten weiter geht und besser wird. So lehrt uns unser gesunder Menschenverstand, dass nichts nur schwarz oder nur weiss ist, sondern alles im Fluss und relativ.

Wann haben Sie zum nächsten Mal eine Gelegenheit, mit ihrem gesunden Menschenverstand ihren Blick auf das halbvolle Glas zu richten?

Share This