Der Blick in den Rückspiegel

Stellen Sie sich vor, beim Autofahren würden Sie immer nur in den Rückspiegel schauen. Wie sicher und schnell wäre so die Fahrt über eine Pass-Strasse?

Genau so erlebe ich unzählige Menschen in Unternehmungen, wenn ich in Coachings oder mit Workshop-Teilnehmenden über die Kommunikations- und Unternehmenskultur spreche. Im besten Fall verfügt die Firma über eine weit entwickelte Feedback-Kultur. Dort wird Feedback als Geschenk betrachtet, wie ich kürzlich im Blogbeitrag „Organisationsentwicklung: Schlüsselfragen zum Entwickeln einer stärkenorientierten Feedback-Kultur“ ausgeführt habe. Eine solche ist durchaus erstrebenswert, bringt sie doch nachweislich messbare Unternehmenserfolge und macht Menschen glücklicher. Leider ist die Realität aber in aller Regel ein konsequenter Fokus auf das halbleere Glas. Oft geht das einher mit (ab)wertenden Formulierungen, Rechtfertigungen auf Seiten des Empfängers und innerem Widerstand bei allen Beteiligten Feedback gegenüber. Nach solchen Gesprächen fühlt sich kaum jemand gut und gestärkt.

Feedforward: Stärkenorientiertes Vorausschauen

Feed Forward braucht die Welt! Das ist die Kunst, in Dialogen konsequent auf die Stärken und auf Chancen zu schauen, die wir in der nahen Zukunft nutzen können. Wer sein Fahrzeug erfolgreich über kurvenreiche Pass-Strassen führen möchte, schaut durch die Frontscheibe auf den Weg, der vor einem liegt. Er/sie stellt auch sicher, dass genügend Energie im Tank liegt. Entscheidend ist also nicht nur der Blick voraus. Denn auch der könnte in erster Linie auf Hindernissen liegen, in die wir dann mit grosser Wahrscheinlichkeit fahren würden. Das habe ich das bereits von meinem Fahrlehrer gelernt. Entscheidend beim Feedforward ist vielmehr das innere Mindset der im Dialog stehenden Menschen. Kennen sie ihre Stärken und setzen sie diese bewusst ein, bringen sie als Dialogpartner die PS auf den Boden. Diese Haltung konsequent einzuhalten, ist schon anspruchsvoll genug.

Feedforward ist einfach

Es ist viel einfacher, Feedforward zu geben, als Feedback. Warum? Erstens ist die Zukunft beeinflussbar, die Vergangenheit nicht. Es öffnet sich ein Feld von Möglichkeiten, die wir ausgestalten können. Zweitens setzt Feedforward nicht voraus, dass ich das Gegenüber gut kenne oder ich sein Verhalten in der Vergangenheit habe beobachten können. Feedforward vermittelt einfach unvoreingenommene Ideen, wie jemand den Weg vor sich gehen kann, und worauf er/sie dabei besonders achten sollte.
Drittens hat Feedforward nichts mit Leistungsbeurteilungen zu tun. Der Buchtitel „What got you here won’t get you there“ von Marshall Goldsmith beschreibt treffend, wie bisheriges Verhalten für zukünftige Herausforderungen selten hilfreich ist. Wenn meine Beförderung, mein künftiges Aufgabengebiet und vielleicht sogar meine Bezahlung vom Verhalten in der Vergangenheit abhängig sind, ist nicht das Potential im Fokus, das gefördert werden sollte. Viertens ist ein Dialog über die Vergangenheit anspruchsvoller als der über die Zukunft. Denn was zurück liegt, kann ich als erlebte Realität beschreiben. Man sagt beispielsweise „Beim Meeting gestern ist „Es“ mir passiert, dass…“ Dabei geht es oft um unbewusste Spontanreaktionen und Gefühle, gesteuert vom lymbischen Gehirn. Dies erfordert Selbst- und Fremdempathie und die Fähigkeit, emotionale Themen anzusprechen. Der Blick voraus hingegen ist bewusst. Das ist das Terrain, auf dem wir noch nicht Emotionen verarbeiten müssen, sondern frei von Empfindungen unvoreingenommen und mit unserem logischen Gehirn denken können.

Beispiel-Blick voraus

Wie also wäre es, wenn Sie von Kollegen oder Mitarbeitenden Feedforward einholen? Fragen Sie beispielsweise „Du Sonja, sag mal…du weisst ja bereits, dass ich lernen möchte besser zuzuhören. Woran würdest du heute im Workshop erkennen, dass ich meinem Ziel etwas näher gekommen bin? Was traust du mir zu?“

Wie würde ein solcher Dialog Ihr eigenes Verhalten in diesem Meeting beeinflussen? Welche Auswirkungen hätte das auf Ihre Beziehung zu dieser Mitarbeitenden? Welche Energie würde dadurch frei gesetzt?

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